Unter Arbeitsrecht werden im Wesentlichen zwei Bereiche verstanden: das individuelle und das kollektive Arbeitsrecht. Das individuelle Arbeitsrecht befasst sich mit allen Lebensbereichen, die mit dem Arbeitsverhältnis einer Person im Zusammenhang stehen: Dies betrifft bspw. den Abschluss eines Arbeitsvertrages, seinen Inhalten, Fragen der Diskriminierung von Bewerbern und Arbeitnehmern, die Ausgestaltung von Arbeitsverhältnissen, die Kündigung des Arbeitsverhältnisses, Abfindungen und Wettbewerbsverbote. Das kollektive Arbeitsrecht regelt bspw. die Errichtung und die Aufgaben eines Betriebsrates, das Tarifrecht und das Arbeitskampfrecht.

Je größer, desto besser? Einhaltung der SARS-CoV-2-Arbeitsschutzregel hängt auch von der Unternehmensgröße ab

Obwohl bereits seit April der strenge SARS-CoV-2-Arbeitsschutzstandard gilt, werden die dort geregelten Schutzmaßnahmen nicht von allen Unternehmen konsequent umgesetzt.

Trotz Lockdown wird in manchen Betrieben und Unternehmen gearbeitet, als gäbe es keine Corona-Pandemie. Bei der Arbeit treffen viele Beschäftigte auf deutlich mehr Menschen, als zur Eindämmung der Pandemie förderlich und im privaten Rahmen erlaubt wäre. Insbesondere kleinere Unternehmen scheinen nach einer von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) und dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) beauftragten Betriebsbefragung die geltenden Arbeitsschutzstandards nicht so konsequent umzusetzen, wie größere Unternehmen. Die Befragung wurde in mehr als 1.500 Betrieben durchgeführt und die Bundesregierung zog deren Ergebnisse jüngst zur Beantwortung einer Kleinen Anfrage heran.

Immerhin gaben 80 % der Unternehmen an, dass spezielle Regeln zum Corona-Arbeitsschutz impliziert wurden – jedoch gaben 16 % der Unternehmen an, eher bzw. überhaupt keine diesbezüglichen Anstrengungen unternommen zu haben.

Im Rahmen der Betriebsbefragung wurden u.a. die Umsetzung von 14 Schutzmaßnahmen abgefragt, die zur Eindämmung der Corona-Pandemie geeignet sind. Diese Schutzmaßnahmen umfassen z.B. das verbindliche Tragen einer Mund-Nase-Bedeckung in den Betriebsräumen, regelmäßiges Lüften, Entzerrung der Arbeits- und Pausenzeiten oder das Arbeiten im Home-Office.

Die Betriebsgröße scheint einen entscheidenden Faktor bei der Umsetzung dieser Corona-bedingten Schutzmaßnahmen zu haben. Mit zunehmender Betriebsgröße wurden durchschnittlich mehr Schutzmaßnahmen eingeführt:

  • Kleinstbetriebe (weniger als 10 Beschäftigte): 7 Maßnahmen
  • Kleinbetriebe (10 bis 49 Beschäftigte): 9 Maßnahmen
  • mittlere Betriebe (50 bis 249 Beschäftigte): 10 Maßnahmen
  • große Betriebe (250 Beschäftigte und mehr): 11 Maßnahmen.

Insbesondere in Betrieben mit weniger als 50 Beschäftigten kommt es relativ häufig vor, dass keine Mund-Nase-Bedeckung vorgeschrieben ist, nicht auf ausreichende Lüftung geachtet oder Risikogruppen nicht gesondert geschützt werden. In großen Betrieben mit 250 oder mehr Beschäftigten sind solche Maßnahmen hingegen fast flächendeckend verbreitet.

ArbG Siegburg: Ohne Maske keine Arbeit

Urteil vom 16. Dezember 2020, Az.: 4 Ga 18/20

In dem vorstehenden Rechtsstreit zwischen dem Verwaltungsmitarbeiter eines Rathauses und dessen Arbeitgeber hat das Arbeitsgericht Siegburg (ArbG) u.a. entschieden, dass Arbeitgeber das Tragen einer Mund-Nase-Bedeckung während der Arbeitszeit anordnen dürfen, auch wenn Beschäftigte ein Attest hinsichtlich der Befreiung von der Maskenpflicht vorlegen.

Relevanz: Das Urteil hat Relevanz für den Umfang einer arbeitgeberseitig veranlassten Maskenpflicht am Arbeitsplatz und trifft Aussagen zu den Anforderungen an eine Befreiung von dieser Maskenpflicht.

Hintergrund:
Der Arbeitgeber des Verwaltungsmitarbeiters ordnete im Mai 2020 in den Räumen des Rathauses das Tragen einer Mund-Nase-Bedeckung für Besucher und Beschäftigte an. Der Verwaltungsmitarbeiter legte ihm ein Attest vor, das ihn ohne Angabe von Gründen von dieser Maskenpflicht befreite. Sein Arbeitgeber wies ihn daraufhin an, ein Gesichtsvisier beim Betreten des Rathauses und beim Gehen über die Flure und in Gemeinschaftsräumen zu tragen. Daraufhin legte der Verwaltungsmitarbeiter ein neues Attest vor, das ihn abermals ohne Angabe von Gründen von der Pflicht zum Tragen von Gesichtsvisieren jeglicher Art befreite. Da der Arbeitgeber ihn ohne Gesichtsbedeckung nicht im Rathaus beschäftigen wollte, begehrte der Verwaltungsmitarbeiter im Eilverfahren am Arbeitsgericht seine Beschäftigung im Rathaus ohne Gesichtsbedeckung.

Das ArbG Siegburg wies die Anträge des Verwaltungsmitarbeiters ab. Nach Auffassung des ArbG überwiegt der Gesundheits- und Infektionsschutz aller Beschäftigten und Besucher des Rathauses das Interesse des Verwaltungsmitarbeiters an einer Beschäftigung ohne Gesichtsvisier oder Mund-Nase-Abdeckung. Das ArbG hatte außerdem Zweifel an der Richtigkeit der ärztlichen Atteste, da solche Atteste nach Auffassung des ArbG konkrete und nachvollziehbare Angaben enthalten müssen, warum eine Maske nicht getragen werden könne.

Die Entscheidung ist noch nicht rechtskräftig. Gegen das Urteil kann Berufung beim Landesarbeitsgericht Köln eingelegt werden.

Auf Worte folgen Taten: Bundestag beschließt Arbeitsschutzkontrollgesetz

Nach einer Vielzahl von Covid-19-Infektionen von Beschäftigten in Schlachthöfen und den harten Worten von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil auf der Pressekonferenz am 29. Juli 2020 (wir berichteten) hat der Bundestag in dieser Woche das Arbeitsschutzkontrollgesetz beschlossen. In der Fleischindustrie sollen damit Werkverträge und Leiharbeit im Kerngeschäft verboten werden.

Die Mitteilung der Bundesregierung beginnt eindeutig:

„Gute Arbeit erfordert guten Arbeits- und Gesundheitsschutz: Um Mängel unter anderem in der Fleischindustrie zu beheben […], hat der Bundestag das Gesetz nun beschlossen. In der Fleischindustrie sollen damit Werkverträge und Leiharbeit im Kerngeschäft verboten werden.“

Erklärtes Ziel des Arbeitsschutzkontrollgesetzes sollen geordnete und sichere Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie und die Stärkung der Leistungsfähigkeit der staatlichen Aufsicht sein. Das Arbeitsschutzkontrollgesetz gibt aber auch verschiedenen anderen Branchen bundesweit einheitliche Regeln vor, unter anderem zur Kontrolle von Betrieben und zur Unterbringung der Beschäftigten.

Das vom Bundestag beschlossene Arbeitsschutzkontrollgesetz umfasst unter anderem folgende Regelungen:

  • Verbot von Fremdpersonal ab 2021: In der Fleischindustrie sind ab 1. Januar 2021 Werkverträge und ab 1. April 2021 Zeitarbeit verboten: Die Schlachtung und Zerlegung dürfen dann nur noch von eigenem Stammpersonal des Inhabers vorgenommen werden. Das Fleischerhandwerk (Betriebe mit weniger als 50 Beschäftigten) ist davon ausgenommen. Bei Auftragsspitzen in der Fleischverarbeitung sind Ausnahmen davon nur auf Grundlage eines Tarifvertrages auf drei Jahre befristet möglich – allerdings unter strengen Auflagen und Kontrollen.
  • Standards für Beschäftigtenunterkünfte: Die Arbeitsstättenverordnung bestimmt künftig, wie die Gemeinschaftsunterkünfte zur Unterbringung von Arbeitnehmern ausgestattet sein müssen, auch abseits des Betriebsgeländes.
  • Erhöhung der Kontrolldichte: Die Arbeitsschutzbehörden der Länder sollen Betriebe häufiger kontrollieren, um so die Arbeitnehmerrechte im Arbeits- und Gesundheitsschutz zu sichern.
  • Elektronische Zeiterfassung: Mit Ausnahme des Fleischerhandwerks müssen Arbeitgeber in der Fleischindustrie den Beginn und das Ende der täglichen Arbeitszeit ihrer Belegschaft verpflichtend elektronisch aufzeichnen.
  • Erhöhung Bußgelder: Die Geldbußen sollen bei Verstößen auf 30.000 Euro erhöht werden

LSG Niedersachsen-Bremen: Ein Terroranschlag ist kein Arbeitsunfall

Urteil vom 13. Mai 2020, Az. L 3 U 124/17

In dem vorstehenden Rechtsstreit zwischen einem Beschäftigten und einer Berufsgenossenschaft hat das Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen (LSG) u.a. entschieden, dass Verletzungen, die aus einem Terroranschlag resultieren, kein Arbeitsunfall sind, auch wenn der Beschäftigte auf Dienstreise war.

Relevanz: Das Urteil ist für die Frage nach dem Umfang des gesetzlichen Unfallversicherungsschutzes auf Dienstreisen interessant.

Hintergrund: Ein angestellter Einkäufer nahm auf Veranlassung seines Arbeitgebers an einer Fortbildung in einer deutschen Stadt teil. Am Abend nach der Fortbildung saß der Einkäufer im Außenbereich eines Lokals und trank Wein. Dort verübte ein Selbstmordattentäter einen Sprengstoffanschlag, bei welchem 15 Menschen verletzt wurden. Auch der Einkäufer erlitt zahlreiche körperliche und seelische Verletzungen.

Der Einkäufer verlangte von seiner Berufsgenossenschaft die Anerkennung als Arbeitsunfall, da er sich nur aufgrund der Dienstreise in eben diesem Restaurant aufgehalten habe. Die Berufsgenossenschaft lehnte die Anerkennung ab, da Essen und Trinken private, nicht versicherte Tätigkeiten seien. Der Einkäufer klagte gegen die Berufsgenossenschaft auf Anerkennung als Arbeitsunfall, unterlag aber sowohl in der ersten Instanz vor dem Sozialgericht Hildesheim, als auch in zweiter Instanz vor dem LSG Niedersachsen-Bremen.

Nach Auffassung des LSG besteht auf Dienstreisen kein lückenloser Versicherungsschutz. Sobald ein Beschäftigter sich persönlichen Belangen widmet, die von den betrieblichen Aufgaben nicht wesentlich beeinflusst werden, entfällt der Schutz der gesetzlichen Unfallversicherung. Der Restaurantbesuch war nach Ansicht des Gerichts ein persönlicher Belang des Einkäufers und es wurde nicht allein dadurch ein betrieblicher Bezug hergestellt, weil das Restaurant an einem Ort war, das Ziel seiner Dienstreise war. Das LSG führte weiter aus, dass Terroranschläge keine Gefahrenquelle sind, die auf die bestimmte Stadt begrenzt seien und dem Einkäufer nicht auch an seinem Wohn- und Arbeitsort hätten treffen können. Die Gefahr eines Terroranschlages ist nach Auffassung des LSG ein allgemeines Lebensrisiko, das überall in Deutschland besteht. Daher hat für den Einkäufer kein Versicherungsschutz durch die gesetzliche Unfallversicherung während des Terroranschlages bestanden.

Maskenpflicht am Arbeitsplatz: Wie lange sollten Masken maximal getragen werden?

Seitdem die Infektionszahlen stark angestiegen sind und die verbindliche Pflicht zum Tragen von Mund-Nase-Bedeckungen immer weiter ausgeweitet wurde, stellen sich viele Arbeitgeber und Beschäftigte Fragen zur Wirksamkeit und zur Tragedauer von Mund-Nase-Bedeckung, Mund-Nase-Schutz und sonstigen Schutzmasken.

Zunächst zwei beruhigende Fakten:

1. Masken können Leben retten. Man muss sie nur tragen.
2. Der DGUV liegen aktuell keine Informationen vor, die belegen, dass das Tragen einer Mund-Nase-Bedeckung aus textilem Gewebe die Atmung in einem gesundheitsgefährdenden Maße beeinträchtigt oder eine sogenannte „CO2-Vergiftung“ auslösen könnte.

Was jedoch beim Tragen von Masken am Arbeitsplatz beachtet werden sollte, erläutern wir in diesem Beitrag.

Nach einer Verlautbarung des Koordinierungskreises für Biologische Arbeitsstoffe (KOBAS) der DGUV ist nach derzeit vorliegenden Erkenntnissen davon auszugehen, dass Mund-Nase-Bedeckungen aus Baumwolle, Leinen oder Seide (MNB) sowie Einmal-Mund-Nasen-Schutz (MNS) ähnliche Atemwiderstände wie partikelfiltrierende Halbmasken mit Ausatemventil aufweisen können.

Die DGUV empfiehlt daher für MNB und MNS, sofern diese im Rahmen des SARS-CoV-2-Arbeitsschutzstandards und der SARS-CoV-2-Arbeitsschutzregel getragen werden, Tragezeitbegrenzungen und Erholungspausen wie für sog. filtrierende Halbmasken mit Ausatemventil nach der DGUV Regel 112-190 „Benutzung von Atemschutzgeräten“. Danach empfiehlt die DGUV beim Tragen einer MNB und MNS bei mittelschwerer körperlicher Arbeit eine Tragedauer von zwei Stunden mit einer anschließenden Erholungszeit von 30 Minuten.

In der Erholungszeit sollte die MNB/MNS abgelegt werden – eine Arbeitspause ist damit nicht gemeint. Bei leichter Arbeit ist auch eine Verlängerung der Tragedauer auf 3 Stunden möglich. Sofern es in der betrieblichen Praxis möglich ist, die MNB/MNS situationsbedingt für kurze Zeit abzunehmen, ohne dabei sich und andere zu gefährden und wenn der Mindestabstand von 1,50 Meter zu anderen Personen durchgängig gewährleistet ist, stellt dies in der Regel bereits eine ausreichende Erholung dar. Damit dürften im Normalfall drei Einsätze pro Arbeitsschicht möglich sein.

Für filtrierende FFP2-Halbmasken ohne Ausatemventil beträgt die von der DGUV empfohlene Tragedauer lediglich 75 Minuten mit anschließender Erholungszeit von ebenfalls 30 Minuten.

Im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung sollte berücksichtigt werden, ob auf Grund der Arbeitsschwere, durch Umgebungseinflüsse (Lufttemperatur, Luftfeuchte, Wärmestrahlung), der Bekleidungseigenschaften (z.B. schwere Schutzkleidung) oder auch auf Grund individueller Dispositionen einzelner Beschäftigter eine geänderte Tragedauer festzulegen ist.

Das Fraunhofer-Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik (ITWM) hat berechnet, dass sich die Tragedauer von MNB, MNS und anderen Schutzmasken bei anstrengender körperlicher Arbeit verringert. Sobald die Maske z.B. durch Reden oder körperlich anstrengende Arbeit durchfeuchtet ist, schützt sie nicht mehr. Daher sind insbesondere bei medizinischen Schutzmasken die Herstellerangaben zur Tragedauer nur Richtwerte. Sobald MNB/MNS durchfeuchtet ist, sollte sie gewechselt werden.

Waschbare MNB aus textilem Gewebe müssen mindestens arbeitstäglich bei mindestens 60° C gewaschen werden, damit sie mehrfach verwendet werden können. Einmalmasken dürfen im gewerblichen Bereich nicht mehrfach verwendet werden und sind zu entsorgen.

Weiterführende Informationen zum Schutz vor Sars-CoV-2-Infektionen am Arbeitsplatz geben die branchenspezifischen Hinweise der Berufsgenossenschaften und Unfallkassen.

LSG Hessen: Bizepssehnenriss ist als Arbeitsunfall anzuerkennen

Urteil vom 18.08.2020, Az.: L 3 U 155/18

In dem vorstehenden Rechtsstreit zwischen einem Steinmetz und einer Berufsgenossenschaft hat das Landessozialgericht Hessen (LSG) u.a. entschieden, dass das überraschende Nachfassen an einem glatten, schwer zu fassenden 50 kg schweren Findling und die dadurch entstehende Krafteinwirkung geeignet sein können, einen Riss der körperfernen Bizepssehne herbeizuführen, der als Arbeitsunfall anzuerkennen ist.

Relevanz:
Das Urteil ist für alle Unternehmen und Beschäftigten von Interesse, die mit ihren Berufsgenossenschaften darüber streiten, was als sog. äußere Gewaltanwendung ausreichend für die Anerkennung als Arbeitsunfall ist.

Hintergrund:
Ein selbstständiger Steinmetzmeister lieferte einem Kunden einen mehr als 50 kg schweren Findling aus. Als er den nassen und glatten Findling anhob, rutschte ihm dieser aus den Händen. Beim Nachfassen riss die körperferne Bizepssehne seines rechten Armes. Der Steinmetz brach daraufhin sofort seine Arbeit ab und wurde im Krankenhaus operiert.

Die Berufsgenossenschaft des Steinmetzes lehnte die Anerkennung eines Arbeitsunfalls ab, da es nach ihrer Auffassung an einer äußeren Gewaltanwendung fehlte. Der Steinmetz erhob hiergegen Klage.

Nachdem der Steinmetz in der ersten Instanz unterlag, hat das LSG Hessen ihm in zweiter Instanz Recht gegeben und festgestellt, dass ein Arbeitsunfall vorlag und der Bizepssehnenriss einen hierdurch verursachten Gesundheitsschaden darstellt. Nach Auffassung des LSG sind Unfälle im Sinne der gesetzlichen Unfallversicherung zeitlich begrenzte, von außen auf den Körper einwirkende Ereignisse, die zu einem Gesundheitsschaden oder zum Tod führen. Hierfür ist kein besonderes, ungewöhnliches Geschehen erforderlich, vielmehr genügen auch alltägliche Vorgänge wie beispielsweise ein Stolpern. Daher ist durch das überraschende Moment und die akute Kraft beim Nachfassen des Findlings durch den Steinmetz ein Unfallereignis anzunehmen. Aufgrund der zusätzlichen akuten Krafteinwirkung, die über eine bloße willentliche Kraftanstrengung hinausgehe, ist von einem geeigneten Unfallmechanismus auszugehen. Der Bizepssehnenriss wurde auch durch dieses Unfallereignis verursacht. Dies wurde auch dadurch bewiesen, dass ein vom Gericht eingeholtes Sachverständigengutachten ergab, dass keine Hinweise für eine vorherige Verschleißerkrankung vorlagen.

„Biologische Gefahrenlage“ – Geplante Änderung der Biostoffverordnung könnte zu großem Mehraufwand führen

Das Bundesarbeitsministerium überarbeitet die Biostoffverordnung. Der aktuelle Referentenentwurf sieht u.a. die Aufnahme des Begriffes „biologische Gefahrenlage“ und damit verbundene Maßnahmen vor, wodurch der Anwendungsbereich der Biostoffverordnung erweitert würde und für Unternehmen ein großer Mehraufwand im Bereich der Arbeitsschutzmaßnahmen droht.

Die Biostoffverordnung regelt den Schutz von Arbeitnehmern bei Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen. Aufgrund der EU-Richtlinie 2000/54/EG muss sie geändert werden, um den Inhalt dieser Richtlinie in nationales Recht umzusetzen. Das Bundesarbeitsministerium nahm die Corona-Pandemie jedoch zum Anlass, noch weitergehende Änderungen vorzunehmen und „Defizite im Rechtssystem“ zu beseitigen. In dem aktuellen Referentenentwurf wurden u. a. der Begriff „biologische Gefahrenlage“ und damit verbundene „besondere Maßnahmen“ aufgenommen.

Ausweitung des Anwendungsbereichs
Nach der Definition des Referentenentwurfs umfassen „biologische Gefahrenlagen“ ein „ein natürlich ablaufendes Infektionsgeschehen in der Bevölkerung im Ausmaß einer Epidemie oder Pandemie, […]“. Danach wäre beispielsweise die jetzige Corona-Pandemie eine solche biologische Gefahrenlage. Sobald eine biologische Gefahrenlage vorliegt, ist in dem Referentenentwurf geplant, dass von den Arbeitgebern sogenannte „besondere Maßnahmen“ zu treffen sind.

Nach der bisherigen Rechtslage ist die Biostoffverordnung grundsätzlich nur bei direktem Umgang mit Biostoffen anzuwenden. Das besondere an den geplanten „besonderen Maßnahmen“ im Falle einer biologischen Gefahrenlage ist, dass danach auch für Tätigkeiten ohne direkten Umgang mit Biostoffen die Biostoffverordnung anzuwenden ist und Maßnahmen durch den Arbeitgeber zu treffen sind.

Mehraufwand für bisher nicht betroffene Branchen und Unternehmen
Durch die geplanten Neuregelungen ist zu erwarten, dass für eine Vielzahl von Branchen und Unternehmen, die bisher nicht in den Anwendungsbereich der Biostoffverordnung fallen und sich mit den Regelungen nicht auskennen, ein erheblicher Mehraufwand anfiele. Durch die Neuregelungen wird festgelegt, welche Vorschriften der Biostoffverordnung Anwendung finden: Im Fall biologischer Gefahrenlagen ist die Gefährdungsbeurteilung immer zu aktualisieren. Dies gilt auch für Arbeitgeber, deren Beschäftigte keine Tätigkeiten nach Biostoffverordnung ausüben. Arbeitgeber müssen außerdem Schutzmaßnahmen festlegen, eine Betriebsanweisung erstellen und die Beschäftigten unterweisen.

Nach Auffassung des Bundesarbeitsministeriums bietet sich die Biostoffverordnung an, um „Defizite im Rechtssystem“ zu beseitigen, die sich nach Ausbruch der Corona-Pandemie gezeigt haben, da diese auch den Schutz von Beschäftigten vor Infektionen als Ziel hat. Das Ziel des Bundesarbeitsministeriums, Beschäftigte vor Infektionen durch Arbeitsschutzmaßnahmen zu schützen, ist richtig und wichtig. Ob die Ausweitung des Anwendungsbereiches auf alle Arbeitsbereiche zielführend ist, obwohl die Gefährdung dort nicht höher ist als für die Allgemeinbevölkerung, bleibt jedoch zweifelhaft. Mehrere Verbände haben in einer Stellungnahme zu dem Gesetzesentwurf bezweifelt, dass die zusätzlichen Regelungen bei Vorliegen einer biologischen Gefahrenlage tatsächlich einen Mehrwert für den Arbeitsschutz brächten, da zu befürchten sei, dass die Arbeitsschutzregeln durch die Änderungen noch unübersichtlicher werden. Es ist zu erwarten, dass noch Anpassungen an dem Gesetzesentwurf vorgenommen werden. Wir halten Sie über die weiteren Änderungen im Gesetzgebungsverfahren auf dem Laufenden.

Weniger Arbeitsunfälle „dank“ Corona

Die COVID-19-Pandemie wirkt sich auf die Unfallstatistik aus: Im ersten Halbjahr 2020 ist

die Anzahl von Arbeitsunfällen um etwa 15 % gesunken

Seit März 2020 ist aufgrund der COVID-19-Pandemie eine Vielzahl von Beschäftigten in Kurzarbeit

gegangen. Gleichzeitig sind Millionen von Beschäftigten zumindest zeitweise ins Home Office

gewechselt, so dass für diese Beschäftigten das sog. Wegeunfallrisiko faktisch wegfiel. Unter anderem

diese beiden Faktoren haben dazu geführt, dass im ersten Halbjahr 2020 von den

Berufsgenossenschaften und Unfallkassen etwa 15 % weniger Arbeitsunfälle als im gleichen Zeitraum

des Vorjahres verzeichnet wurden. Die Anzahl von Wegeunfällen ging sogar um bis zu 20 % zurück.

Anstieg der Anzeigen auf Verdacht einer Berufskrankheit

Angestiegen hingegen sind die Anzeigen auf Verdacht einer Berufskrankheit, diese stiegen im Vergleich

zum Vorjahr um etwa 24 %. Auch für diese signifikante Veränderung im Vergleich mit den

Vorjahreszahlen ist COVID-19 verantwortlich: Da Beschäftigte im Gesundheitswesen eine COVID-19-

Erkrankung unter bestimmten Voraussetzungen als Berufskrankheit anerkennen lassen können (RGC berichtete), wirken sich die über 13.000

Verdachtsanzeigen im Zusammenhang mit einer COVID-19-Erkrankung bis Ende Juni 2020 in der

Statistik aus.

BGH: Keine Haftung des Arbeitgebers bei Sturz von ungesicherter Treppe

Urteil vom 21.07.2020, Az. VI ZR 369/19

In dem vorstehenden Rechtsstreit zwischen der Trägerin der gesetzlichen Unfallversicherung (Versicherungsträger) und der Inhaberin eines Malerbetriebs (Arbeitgeberin) hat der Bundesgerichtshof (BGH) u. a. entschieden, dass der Versicherungsträger die Arbeitgeberin eines Malers nicht in Regress nehmen kann, wenn dieser auf einer Baustelle von der dritten Stufe einer ungesicherten Treppe stürzt.

Relevanz:
Das Urteil ist für alle Unternehmen von Interesse, die Arbeitnehmer auf Baustellen beschäftigen.

Hintergrund:
Ein Maler stürzte auf einer Baustelle in einem Treppenhaus, in dem weder Treppengeländer noch eine Absturzsicherung vorhanden waren, von der dritten Stufe und verletzte sich erheblich an den Armen. Nachdem der Versicherungsträger zunächst alle mit diesem Arbeitsunfall zusammenhängenden Kosten übernommen hatte, forderte er im Nachgang vom Arbeitgeber des Malers die entstandenen Kosten zurück. Nach Auffassung des BGH sei der Arbeitsunfall nicht durch eine Verletzung einer Unfallverhütungsvorschrift verursacht worden. Nach § 12 Abs. 1 Nr. 2 BGV C 22 „Bauarbeiten“ (Vorgängerin der heutigen DGUV 38 – Unfallverhütungsvorschrift – Bauarbeiten) müssten Einrichtungen, die ein Abstürzen von Personen verhindern (Absturzsicherungen), bei mehr als 1 m Absturzhöhe an freiliegenden Treppenläufen und Absätzen vorhanden sein. Der Unfall ereignete sich aber, als der Maler auf der dritten, ca. 50 cm hohen, Treppenstufe stand, so dass in dem konkreten Fall keine Absturzsicherung erforderlich war.

Tod eines Praktikanten: Auch bei Einstellung eines Strafverfahrens kann Bußgeld wegen Arbeitsschutzverstößen drohen

Vor mehr als zwei Jahren kam in einem niedersächsischen Betrieb ein sechzehnjähriger Praktikant ums Leben. Nachdem die Staatsanwaltschaft ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung gegen die Verantwortlichen der Firma eingestellt hatte, hat das zuständige Gewerbeaufsichtsamt ein Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet.

Der sechzehnjährige Schülerpraktikant war in dem Fahrzeugbaubetrieb bei Kranarbeiten mit schweren Aluminiumprofilen ums Leben gekommen. Bei den Ermittlungen nach seinem Tod stellte sich heraus, dass in der Firma diverse Defizite im Arbeitsschutz vorlagen: unter anderem hätte der Kran aufgrund seines Zustandes nicht betrieben werden dürfen und der Praktikant hätte aufgrund seines jugendlichen Alters nicht angewiesen werden dürfen, mit dem Kran zu hantieren. Auch Fluchtwege waren in dem Betrieb nicht ausgewiesen.

Strafverfahren wurde eingestellt
Trotz der festgestellten Arbeitsschutzmängel wurde das Strafverfahren wegen fahrlässiger Tötung gegen die Verantwortlichen der Firma eingestellt. Nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft war kein direkter Zusammenhang zwischen den Arbeitsschutzmängeln und dem Tod des Praktikanten erkennbar und keine Sorgfaltspflichtverletzung nachweisbar.

Gewerbeaufsichtsamt leitet Verfahren ein

Zweieinhalb Jahre nach dem Tod des Praktikanten und der zwischenzeitlichen Einstellung des Strafverfahrens wurde durch das zuständige Gewerbeaufsichtsamt ein Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet. Auch wenn durch dieses Verfahren die Firma oder deren Verantwortlichen nicht für den Tod des Praktikanten belangt werden können, so können dadurch aber die Versäumnisse im Arbeitsschutz geahndet werden. Der Leiter des Gewerbeaufsichtsamtes hat mitgeteilt, dass voraussichtlich ein Bußgeld im höheren vierstelligen oder fünfstelligen Bereich verhängt wird.